Natalia Vodianova
Solche Geschichten haben aber auch das klitzekleine Problem, das zu überlagern, was jetzt ist und die Person, die man dabei geworden ist, in den Hintergrund zu rücken. Jetzt: Wir treffen Natalia Vodianova in Basel bei der Uhren- und Schmuckmesse – „ich reise viel, bin immer wo anders“. Sie ist schwanger – in Erwartung ihres dritten Kindes. Und sie sprudelt vor Projekten. Eines davon ist die Kampagne von Calvin Klein, dessen Gesicht sie für die nächsten Jahre ist. Im Gespräch gegenüber sitzt ein Supermodel, das eiserne Disziplin, aber auch Sensitivität und viel Menschlichkeit zu ihren Eigenschaften zählt. Zuletzt wurde sie für ihre philantropischen Einsatz von der amerikanischen Vogue ausgezeichnet.
Dass Schwangerschaft und Model-Business einander nicht ausschließen, hat sie schon zweimal bewiesen, das erste Mal, als es noch nicht ganz so hip war, ein paar Wochen nach dem Geburtstermin wieder bei Shootings aufzukreuzen. 19 war Natalia Vodianova, als sie ihren Sohn Lucas Alexander bekam, kurz nachdem die Modewelt auf den potenziellen Star aus Russland aufmerksam geworden war. Sie war damit nur wenig älter als ihre Mutter 1982 in Nishnij Novgorod, einer Industriestadt 200 Kilometer östlich von Moskau. Hier wurde Natalia mitten in den Zusammenbruch des Kommunismus hineingeboren, Sicherheiten, Geld und Perspektiven fehlten. Auch der Vater, den sie nur mehr einmal sehen – kurz vor ihrer Ausreise nach Paris – und dann vergessen sollte.
Ihre Mutter, schön, aber allein mit noch zwei weiteren Kindern, schlägt sich durch, während die kleine Natalia auf ihre Geschwister aufpasst. Ein paar Jahre später steht sie selbst am Markt und verkauft Obst und Gemüse, um ein paar Rubel für die Familie dazu zu verdienen. Aber „ganz ehrlich“, gesteht sie, weiß sie heute nicht mehr, was ein Apfel kostet. Und ein paar Gucci-Schuhe? „Nein, das weiß ich leider auch nicht“, sagt Vodianova, um mit Nachdruck nachzuschießen: „Aber sonst weiß ich schon viel.“
Als sie klein war, waren ihre Träume freilich nicht konkret: „Ich hatte keine speziellen Wünsche. Ich habe mir nur gewünscht, ein guter Mensch zu werden, die Kraft zu haben nicht nachzugeben, immer positiv zu denken.“ Diese Kraft ist ihr Motor: Zum Beispiel schafft sie es drei Wochen nach der Geburt ihres Sohnes den Auftrag zu bekommen, der sie endgültig zum professionellen Model macht – Yves Saint Laurent engagiert sie. Mit derselben eisernen Disziplin hat sie sich vorher durch einen Englisch-Intensiv-Kurs gebissen, der die Bedingung war, um außerhalb von Russland Fuß zu fassen.
Vodianovas Geschichte ist auch eine des Zufalls: Nach der Wende 1991 tun sich in Russland neue Perspektiven auf, Modelscouts und Agenturen grasen Osteuropa nach neuen frischen Gesichtern ab. Vom Modeln träumen damals viele russische Mädchen, nur aber ein verschwindender Teil schafft den Sprung auf die Hochglanzseiten der Modemagazine und auf die großen Laufstege. Mit 14 wird Natalia von einem Mitschüler ins Register der lokalen Modelagentur eingetragen. Wenig später läuft sie einem Modelscout aus Paris über den Weg. Der weiß sofort um das Kapital der jungen Russin: ihre aussagekräftigen Gesichtszüge, ihr anmutiges Wesen, ihr enormes Potenzial. Was nimmt man mit, wenn man nichts hat? „Ich habe ein Stofftier mitgenommen, einen kleinen Welpen, den ich heute noch habe.“ Mama und die Schwestern blieben zurück, aber Nata, wie sie ihre Freunde nennen, kümmert sich darum, dass es ihnen gut geht, kauft der Mutter eine Wohnung, besorgt für die behinderte Schwerster eine Pflegerin. Und kehrt immer wieder in ihre Heimatstadt zurück, die sie, wie sie in einem Interview in der „Zeit“ verrät, immer noch mag: „Egal ob sie deprimierend ist und roh und voller Alkohol. Sie hat mich stark gemacht und furchtlos.“ Wie eng ihr Draht zu Russland geblieben ist, beweist sie immer wieder bei Charityprojekten – zuletzt eine Versteigerung von speziell kreiertem Designer-Spielzeug in London. „Ich wünsche mir mehr Spielplätze in Russland! Ich weiß es klingt ein bisschen komisch, aber ehrlich, es ist mein Wunsch. 100 Spielplätze, für die ich verantwortlich bin, wo Kinder spielen, herumlaufen. Das beschäftigt mich die ganze Zeit, was manchmal stressig sein kann.“
Die harte Realität in Nishnij Nowgorod haben ihr das mickrige Einstiegsgehalt in ein neues Leben – etwa 500 Francs pro Woche – viel erscheinen lassen, schließlich ist sie Entbehrungen gewohnt und konsequent. Und sie ist eine gute Beobachterin, eine Menschenkennerin, die sich nicht in die Untiefen des Business hineinreißen lässt. „Ich mache diesen Job tag täglich, und ich bin sehr stolz auf das was ich mache. Natürlich gibt es Menschen, die sozusagen shallow minded sind, aber die gibt es überall. Das ist meine Meinung. Ich sehe mir meinen Job auch aus einer anderen Perspektive, von einer höheren, einer psychologischen Seite an.“
Solche Aussagen passen zu ihr, denn sie posiert nicht, sondern verinnerlicht die Rolle, die sie spielt. Sie geht ganz darin auf: „Ich schlüpfe oft in die Rolle einer Katze. Im Job, da bin ich gerne ein Tier. Im richtigen Leben am liebsten Mutter.“ Eines ihrer Lieblingsbilder ist eines von Steven Meisel, mit dem sie sehr viel arbeitet: „Ich war darauf mit einem Baby. Das ist ganz lange her.“ Auch mit ihrer 2006 geborenen Tochter Newa – benannt nach dem Fluss in St. Petersburg – ist sie auf dem Cover der Vogue zu sehen.
Und noch ein Zufall will es damals, dass Mario Testino auf die elfenhafte Schönheit stößt: Er ist Gast der rauschenden Hochzeit Vodianovas mit dem 14 Jahre älteren britischen Künstler und Lord Justin Portman in St. Petersburg. Testino kann sich dort an ihrer strahlenden Erscheinung nicht sattsehen und fotografiert sie schließlich für die Herbstkollektion von Gucci. Angekommen im Mode-Olymp arbeitet Natalia mit den wichtigsten Designern: Louis Vuitton, Marc Jacobs, Moschino, man sieht sie in Miss Sixty und Pepe Jeans und sie blickt mit ihren eindringlich blauen Augen von den Covern einer Elle, Vogue, Vanity Fair, aber auch von einem Pirellikalender und aus dem Playboy. Auch nach dem dritten Kind, wird man ihr in der Modewelt sicher wieder begegnen. Wetten?
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