Der todsichere Sonntagabend
Vier Jahrzehnte lang hindurch blickt ein und dasselbe Augenpaar jeden Sonntag in die Wohnzimmer Deutschlands. Immer pünktlich um 20.15 Uhr im Ersten, und immer nur für einen kurzen Moment. Denn sobald das spannungsvoll aufbrausende Jazz-Orchester 15 Sekunden später zum Treibjagd-Groove ansetzt und ein Fadenkreuz den linken Augapfel erfasst, beginnt der Mann, zu dem das Augenpaar gehört, zu rennen – bis ein blau-weiß blinkender Schriftzug das Bild der laufenden Beine ersetzt: »Tatort«. Der Schauspieler, den Montage und Musik hier vor sich her treiben, heißt Horst Lettenmayer. Für seinen wöchentlichen Auftritt hat er bis dato nicht mehr bekommen, als damals ein einmaliges Honorar von 400 Deutsche Mark. Stattdessen drückt sich sein Lohn in mythologischer Legendenbildung aus, was er auch dem von Klaus Doldinger komponierten, bis dato fast unveränderten Vorspann zu verdanken hat. Nach über 750 Episoden avancierte Lettenmayer zum unbekanntesten Prominenten und Dauergast eines TV-Formats, das sich in die deutschsprachige Fernsehgeschichte eingeschrieben hat.
Von der Spurensicherung zur Zeitgeschichte
Begonnen hat die Erfolgsstory am 29. November 1970. Mit »Taxi nach Leipzig« wurde die allererste Episode der Kriminalreihe »Tatort« ausgestrahlt. Der Hamburger Hauptkommissar Trimmel (Walter Richter) ermittelte damals über die innerdeutsche Grenze hinweg und klärte den Fall um die Leiche eines DDR-Jugendlichen mit westdeutschen Schuhen. Von Beginn an schien »Tatort« darum bemüht, sich an einer gesellschaftspolitischen Wirklichkeit zu orientieren. Das geschickte Fiktionalisieren aktueller Themen innerhalb realer Schauplätze, gewürzt mit kräftigem Lokalkolorit, ist seit jeher ein besonders identitätsstiftendes und gerade deshalb so gut funktionierendes Merkmal dieser Reihe. Der heute 74-jährige Gunther Witte, ehemaliger Dramaturg beim WDR, gilt als Begründer dieses Konzepts. Damals sollte er dem 1969 eingeführten ZDF-Konkurrenz-Format »Der Kommissar« eine Alternative entgegensetzen. Witte wusste die föderalen Strukturen des ARD zu nutzen und entwarf ein schlichtes wie geniales Schema: Regional geprägte, wechselnde Kommissare und Mordgeschichten aus den jeweiligen Sendegebieten der einzelnen Bundesländer sollten abwechslungsreiche Folgen in Spielfilmlänge garantieren. In Abgrenzung zu anderen TV-Krimis etablierte »Tatort« so in all den Jahren eine unglaubliche Vielzahl von Hauptdarstellern, die zwar pro Episode wechselten, als wiederkehrende Figuren aber häufig eigene Serien innerhalb der übergeordneten »Tatort«-Reihe herausbildeten. Vielfalt trotz Einheit – so konnte das Publikum möglichst individuelle Zugänge zu favorisierten Ermittlern finden. Länderübergreifende Kooperationen mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) und dem Schweizer Fernsehen (SF) erweiterten Markt und Produktpalette. Regionale Unterschiede, Eigenheiten, Dialekte und Sprachbarrieren wurden dann nicht bloß vereinheitlicht, sondern im Sinne einer Zuschaueranbindung wirksam herausgearbeitet. Ein Beispiel: Die 1982er-NDR-Episode »Wat Recht is, mutt Recht blieben« wurde in Plattdeutsch gehalten und sogar untertitelt. 40 Jahre »Tatort« bedeuten außerdem mehr als 70 verschiedene Ermittler und -Paare. 2010 sind es 15 verschiedene Kriminalisten, die an deutschen und österreichischen Schauplätzen Verbrechen aufklären. Anfang der 70er, zu Beginn der Krimi-Reihe, war es üblich, dass die überwiegend männlichen Kommissare als dominante Solisten durch die Handlungen führten und von Kollegen nur assistiert wurden. Eines der schillerndsten Beispiele für so einen Einzelkämpfer ist Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp). Als exzentrischer James-Bond-Frauenheld des WDR stiefelte er durch die Jahre 1970 und 1971. Knapp zehn Jahre später sollten sich die personellen Grundvoraussetzungen von »Tatort« allerdings maßgeblich ändern. Denn die Kommissarskollegen Horst Schimanski (Götz George) und Eberhard Thanner (Eberhard Feik) traten ab Anfang der 80er als echte Partner auf. Von nun an konnten auch etwaige Marotten und Schwächen einzelner Figuren einfacher thematisiert oder durch Eigenheiten der Kollegen ergänzt werden. Eine Weiterentwicklung, die bis in die 90er-Jahre anhielt und schließlich zu einer Mehrheit unterschiedlichster Ermittler-Teams führte. Längst ging es nicht mehr nur um das Auflösen von Mordfällen. Gekonnt nutzten die vielen Autoren und Regisseure die immer offener werdenden Erzählstrukturen der Reihe, um den Protagonisten mehr Raum für Persönlichkeit zu geben. Räume, die auch von charismatischen Antihelden, wie dem raubeinigen Horst Schimanski oder der toughen Lena Odenthal, gefüllt wurden.
Alles klar, Frau Kommissar?
Seit 1989 verkörpert Ulrike Folkerts die selbstbewusste, konfliktfreudige Kommissarin Odenthal aus Ludwigshafen. Sie ist die dienstälteste »Tatort«-Kommissarin und damit eine der erfolgreichsten Charaktere (2002 erhielt sie den Fernsehpreis »Bambi« als beliebteste Kommissarin). Anfangs noch draufgängerisch und burschikos inszeniert, hat sie, laut Folkerts, »das Frauenbild im Fernsehen neu beleuchtet«. Ab 1996 löst sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe) entlang des Rheinufers Mordfälle. Doch da Kollege Kopper nicht selten als Odenthals Beschützer fungiert (laut ARD »vor Angriffen von außen und manchmal vor sich selbst«), bleibt ihre vermeintliche weibliche Unabhängigkeit dennoch sehr kritisch zu bewerten. Selbst Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), die seit 2002 von Hannover aus in der niedersächsischen Provinz aktiv ist, 2007 die erste schwangere Hauptkommissarin wurde und ihr Kind mit WG-Kollegen Martin aufzieht, kann geschlechtsspezifische Machtverhältnisse nicht grundsätzlich in Frage stellen. Als souveräne Ermittlerin sucht sie beruflich nach Opfern, die zu Tätern geworden sind, und privat, als sanfte Chaotin, lange Zeit nach der großen männlichen Liebe. Seit 1978 wird also mit dem erstmaligen Auftritt einer weiblichen Hauptrolle (Nicole Heesters als Kommissarin Buchmüller) kontinuierlich an der Männerdomäne »Tatort« gerüttelt. Zur radikalen Herausforderung bürgerlicher Normen hat sich das breitenwirksame Unterhaltungsformat bisher kaum hinreißen lassen. Noch begnügt man sich mit teils klischeehaften Konstruktionen von Weiblichkeit, wie etwa der so maskulinen Odenthal oder der »mädchenhaften« Lindholm.
Der Krimi als Aufklärung
Aber sogar kritische Aufbrüche sind bei »Tatort« zu verzeichnen, wenn auch in einem anderen Revier und Genre: In Münster lotet der geerdete Kommissaren-Prolet Thiel (Axel Prahl) zusammen mit dem egozentrischen Bildungsbürger-Pathologen Boerne (Jan Josef Liefers) makabere Geschmacks- und Klassengrenzen mit schwarzem Humor aus. Das außergewöhnliche Duo legt provinzielle Monstrositäten offen. Ihre Fälle suchen mehr die gesellschaftliche Groteske, als das Abbilden realer Gegebenheiten. Ein erfrischendes Novum, denn meist übt sich »Tatort« in Verbrüderungen gegenüber den sogenannten kleinen Leuten. Früher funktioniert das thematisch (Schimanski und die Deklassierten), heute mehr emotional (Lindholm und ihr Gefühlshaushalt). Doch der Mythos lebt weiter, nicht nur sonntäglich und nicht mehr nur milieuspezifisch. »Tatort« zeigt Mut zur Persiflage und besteht nach 40 durchwachsenen Jahren als sozial-liberale Solidarisierungsinstanz (Themen wie Arbeitslosigkeit, Pädophilie, Menschenhandel oder religiöser Fanatismus werden zumindest andiskutiert). An guten Sonntagabenden werden gesellschaftliche Ereignisse dann zu spannender und mordlustiger Unterhaltung verdichtet – oder gar zum Kult.