Das Anti-It-Girl
Nach der Premiere von "An Education" beim Sundance Film Festival hat Nick Hornby gemeint, dass sich dein Leben an diesem Tag verändert hätte. Denkst du genauso?
Carey (lacht): Nein. Er behauptet das aber immer noch. Das Sundance Film Festival war zwar wie eine große Party, in erster Linie war ich aber einfach erleichtert darüber, dass sich der Film verkauft und so gute Kritiken in "Variety" bekommen hatte. Ich habe vorher noch nie so viel Werbung gemacht und mich wirklich bemüht. Es fühlte sich aber nicht so an, als ob sich dadurch irgendetwas in meinem Leben verändert hätte. Ich werde mich einfach wieder an die Arbeit machen, wenn das alles vorbei ist, und bin froh, dass die Kritiker den Film mögen.
Wie fühlt es sich an, wenn ein Magazin wie Screen International über dich schreibt, dass "Audrey Hepburn am Leben ist"? Wie lässt dich das über deine Zukunft denken und darüber, was dir in deiner Karriere als Schauspielerin noch bevorstehen könnte?
Carey: Ich habe nicht alles gelesen, was über mich geschrieben worden ist, aber ich weiß, dass alles ziemlich positiv ist. Es freut mich, weil das heißt, dass sich auch viele Menschen den Film ansehen werden. Mein Lieblingszitat ist: »Carey Mulligan: attraktiv, aber keine, die dich umhaut«. Für mich geht es dabei weniger um Selbstvermarktung.
An welchem Punkt der Produktion hast du gemerkt, dass du etwas wirklich Besonderes machst, dass du einen Independent - Film drehst, der aber auch für ein größeres Publikum gemacht sein könnte? War das bei der Premiere des Films beim Sundance Film Festival oder hattest du schon zuvor ein gutes Gefühl?
Carey: Ich habe das bei der Premiere gemerkt. Ich wusste zuvor schon, dass ich den Film mögen würde und ich habe Lone Scherfing (Anm.: die Regisseurin von "An Education") vertraut, dass sie einen guten Film machen würde. Aber ich wusste natürlich noch nicht, ob der Film auch kommerziell erfolgreich sein könnte oder wie das Publikum den Film aufnehmen würde.
Du spielst in "An Education" ein junges Mädchen aus der Londoner Vorstadt, das sich in einen älteren Playboy verliebt. Wie war es für dich, in die Rolle der 16 - jährigen Jenny zu schlüpfen?
Carey: Das Mädchen, das ich im Film spiele, ist 16. Ich selbst bin 23. Das ist prinzipiell kein so großer Unterschied, aber es ist eine Zeit im Leben, in der man sich sehr verändert. Die grenzenlose Begeisterungsfähigkeit von Jenny zu transportieren war schwieriger als die traurigen, emotionalen oder dramatischen Szenen zu spielen. Ihre Lust am Leben zu verkörpern war irgendwie anstrengend, weil man die ganze Zeit so viel Energie braucht.
Wie bist du also an die Rolle herangegangen?
Carey: Es hat im Großen und Ganzen viele Dinge gegeben, mit denen ich mich identifizieren konnte. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich 16 war. Aber Jennys Welt ist eine ganz andere, als die, in der ich groß geworden bin: Das sind die 1960er - Jahre, und sie wächst in einer für sie falschen Familie auf. Ihre Eltern sind zwei Menschen, die sie überhaupt nicht verstehen. Ich habe das nie so erfahren, das zu spielen, war wirklich eine Herausforderung. Aber während ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich gemerkt, dass der Autor (Anm.: Nick Hornby) schon alles, was ich wissen musste, darin verpackt hatte.
Nick Hornby und Lone Scherfing – die beiden sind sehr charismatische Menschen. Wie war es mit ihnen zu arbeiten? Scherfing ist dafür bekannt, viel zu improvisieren und Hornby schreibt so brilliant und klar, dass oft gar keine Möglichkeit mehr bleibt, zu improvisieren. Wie hast du diese zwei Positionen unter einen Hut gebracht?
Carey: Nick war immer sehr flexibel. Wir wollten allerdings nicht allzu viel verändern, aber da war vielleicht ein Wort, mit dem ich Probleme hatte, oder eine Zeile, die ich schwierig fand. Die Szene, in der sich Jenny und David trennen, haben wir beispielsweise um 4 Uhr Früh gedreht, und da war etwas, das einfach nicht geklappt hat. Wir haben Nick einfach angerufen. Ich sagte: "Nick, hilf!", und er hat es geändert. Lone hat am Set sehr offen gearbeitet und viel ausprobiert. Sich ans Skript halten, aber Variationen zulassen – das reichte schon, um es sehr spannend für uns alle zu machen.
Peter Sarsgaard spielt den älteren Mann, David, in den du dich im Film verliebst. Hast du dich vor dem Dreh mit ihm getroffen, um zu proben und um ein Gefühl füreinander zu bekommen? Oder wurdet ihr mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen?
Carey: Wir haben uns eine Woche vor Drehbeginn getroffen, haben aber nicht wirklich geprobt, sondern nur über die Szenen gesprochen und darüber, wie wir die schwierigeren Szenen angehen.
Was hat dir an der Zusammenarbeit mit Peter gefallen?
Carey: An Peter ist wunderbar, dass er nichts zweimal auf die gleiche Art und Weise macht. Jede Aufnahme ist anders und aufregend. Er ist so kreativ, dass er innerhalb des Skripts immer noch eine große Bandbreite spielen kann.
Speziell als junge Schauspielerin bist du vielleicht genauso wie das Mädchen, das du in "An Education" verkörperst, mit Fragen konfrontiert wie: Soll ich mich auf eine gute Ausbildung konzentrieren oder einfach mein Leben genießen? Hast du dir selbst schon einmal solche Fragen gestellt?
Carey: Nach der Schule wollte ich gleich zu arbeiten beginnen und nie wirklich auf die Universität gehen. Wie Jenny auch im Film sagt: Nur lernen um des Lernen Willens? Ich finde es schwierig, wenn sich junge Menschen schon so früh entscheiden sollen, was sie wirklich interessiert …
Kannst du dich an den besten Moment deiner Schulzeit erinnern?
Carey: Ich mochte die Schule nicht. (lacht) Aber im Internat hatten wir einen Gärtner, der immer mit seinem Rasenmäher herumfuhr. Ich habe keinen Sport gemacht, sondern bin immer nur zum Tennisplatz gegangen, um den Gärtner bei seiner Arbeit zu beobachten. Es war einfach lächerlich, dass sie in einem reinen Mädcheninternat den bestaussehendsten Mann anstellen, den ich je zu Gesicht bekommen habe. Er war Australier und sah einfach aus wie ein Abercrombie & Fitch-Model. Das ist aber auch so ziemlich das Beste, was mir im Internat passiert ist. (lacht)
Würdest du dich jetzt vielleicht doch dafür entscheiden auf die Universität zu gehen?
Carey: Ich bin jetzt etwas älter und eher im Klaren darüber, was mich interessiert und was nicht. Ich hatte in den letzten fünf Jahren auch genug Zeit, um mir die Welt anzusehen, zu arbeiten und zu erfahren, was mich wirklich interessiert. Ich glaube, dass so eine Entscheidung viel schwieriger ist, wenn man noch jünger ist.
War der Film eigentlich sprichwörtlich "An Education" für dich? Du spielst zur Zeit in großen Produktionen mit und genießt viel Aufmerksamkeit. Hat dich der Film darauf irgendwie vorbereitet?
Carey: Nein, der Film hat mich auf nichts vorbereitet. Ich habe darüber ehrlich gesagt auch nicht wirklich nachgedacht, während wir gedreht haben.
Zu welchem Zeitpunkt deiner Karriere hast du gefühlt, was möglicherweise auf dich zukommen könnte?
Carey: Ich spielte vor ein paar Jahren in London am Theater, dann am Broadway, und das war womöglich der Zeitpunkt, an dem mir bewusst wurde: Genauso will ich es machen. Zuvor habe ich immer improvisiert. Ich hatte meine schauspielerischen Fähigkeiten bis dahin nicht trainiert, sondern war einfach so, ohne große Vorbereitung, zu einer Audition gegangen. Inzwischen habe ich einen Weg gefunden, eine Art und Weise, wie ich gut arbeiten kann.
Deine erste größere Filmrolle hattest du in "Stolz und Vorurteil" mit Keira Knightly. Darauf folgten ein paar ruhigere Jahre. Und jetzt arbeitest du mit richtigen Größen im Filmbusiness zusammen. Michael Mann hat dich engagiert, Jim Sheridan und Oliver Stone. Hängen diese Angebote mit dem Erfolg von "An Education" zusammen oder war das alles bereits vorher unter Dach und Fach?
Carey: Ich glaube einfach, je mehr du dich anstrengst und arbeitest, desto mehr Leute werden auf dich aufmerksam. Aber in diesem Fall war es so, dass ich einen amerikanischen Agenten bekam und angefangen habe, in den USA zu Auditions zu gehen. Ich habe die unterschiedlichsten Leute getroffen und viele Möglichkeiten bekommen – weil ich einen guten Agenten habe. Und: Ich kann amerikanische Akzente sprechen! (lacht)
Für eines deiner nächsten Projekte arbeitest du gemeinsam mit Oliver Stone – "Wall Street 2: Money Never Sleeps". Wie fühlt es sich an, Teil dieses Teams zu sein?
Carey: Bei der ganzen Produktion sind keine Frauen involviert! Da sind Susan Sarandon und ich – das ist alles! Es ist ein Männerfilm. Im Moment fühlt sich das alles sehr »männlich« an. Es ist eben ein Film von Oliver Stone! (lacht) Das ist eine ganz andere Welt. Es ist sehr aufregend, aber irgendwie habe ich auch Angst und überhaupt keine Ahnung, wie der Film werden wird. Aber die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sind einfach toll! Ich stehe mit großen Schauspielkollegen vor der Kamera. Das ist vielleicht etwas einschüchternd, aber ich würde nie im Leben eine Rolle spielen, bei der ich mich fühlen würde, als hätte ich sie schon einmal gespielt.
Ich habe gehört, dass Oliver Stone sehr gut darin ist, bei seiner Kritik zu schwindeln?
Carey: Nein, Oliver ist irgendwie … Nein, das tut er nicht. Aber ich finde es gut, dass ich mir seinen Respekt und seine Zuneigung verdienen muss. Normalerweise sagen die Leute: "Oh, du bist so gut" – auch dann, wenn du einfach schrecklich spielst. Oliver macht das einfach nicht. Bei den Dreharbeiten zu "Wall Street 2" dachte ich jeden Tag: Ich muss es auf den Punkt bringen! Und das ist viel
aufregender, als es perfekt machen zu wollen.
Gute Nachrichten für alle, die nicht bei der 25. London Fashion Week dabei sein können: Shoemanic Trendbloggerin Liane Seitz berichtet auf blog.shoemanic.com live aus dem Mode-Hotspot London!